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HUGO RAILING



geboren am 14. Mai 1886,

Deutscher jüdischer Herkunft,

Kaufmann, Textilfabrikant,

seit 1914 beim FC Bayern,

1934 Berufung in den Ältestenrat,

Vater von FC Bayern-Mitglied Heinrich Fritz Railing, 10. November bis 12. Dezember 1938 im KZ Dachau, deportiert am 4. April 1942, ermordet im KZ Sobibor, Polen.

 

Hugo Railing kommt am 14. Mai 1886 in München als Sohn des Textilgroßhändlers Samuel Railing und Estelle, geborenen Hainemann, zur Welt. Er wächst im Stadtteil Lehel auf. 1891 wird seine spätere Ehefrau Hedwig Gumbel geboren. Sie entstammt einer Bankiersfamilie, ihr Elternhaus befindet sich in der Schwabinger Georgenstraße.

 

1914 tritt Hugo dem FC Bayern bei, in den Jahren von 1906 bis 1919 agierte dieser als „Fußballabteilung (F.A.) Bayern im Münchner Sport-Club (MSC)“. Hugo ist 28 Jahre alt und betreibt ein Spezialgeschäft für Möbelstoffe und Teppiche. Auch Ehefrau Hedwig ist sportlich aktiv. Sie zählt 1911 zu den Gründerinnen der Frauenhockeymannschaft des Münchner Sport Clubs. Ihr Cousin Paul Gumbel gehört damals auch der F.A. des MSC an. Er ist Spieler der 2. Mannschaft der Bayern, muss sein Leben bereits 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg lassen.

 

Hugo und Hedwig heiraten 1920. Auch beruflich schließt Hugo Railing neue Allianzen. Mit seinem Bruder Siegfried, wie er Mitglied beim FC Bayen, gründet er eine Textildruckerei, die bald 50 Mitarbeiter zählt. 1923, nach der Geburt von Tochter Margot und Sohn Heinz Fritz, ziehen die Eheleute Railing in eine Villa. Das Anwesen Möhlstraße 22, im Besitz der Familie, ist repräsentativ.

 

Für Hugo Railing und den FC Bayern folgen in den kommenden zehn Jahren erfolgreiche Zeiten. Die Fußballer gewinnen 1926 und 1928 die Süddeutsche, 1932 die erste Deutsche Meisterschaft. Hugos Firmen exportieren mittlerweile ihre Waren nach Italien, in die Niederlande, nach Belgien, England und auch in diverse nordeuropäische Länder.

 

Keine sieben Monate, nachdem der FC Bayern die erste Deutsche Meisterschaft gefeiert hat, wird Adolf Hitler Reichskanzler. Nur weitere acht Wochen später, am 1. April 1933, beginnen SA-Einheiten die Passanten daran zu hindern, in jüdischen Geschäften einzukaufen, jüdische Ärzte und Rechtsanwälte aufzusuchen, auf die Häuserfassaden schmieren sie antisemitische Parolen.

Im Juli 1934 wird Hugo Railing vom FC Bayern noch für seine 20-jährige Mitgliedschaft geehrt. Er wird gleichzeitig in den Ältestenrat des Clubs berufen, wo bereits acht weitere Mitglieder jüdischer Herkunft vertreten sind. Kurt Landauer, der Meister-Präsident mit jüdischen Wurzeln, ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Amt. Er hat es, wie er mitteilt, abgegeben, um „Schaden vom Club fern zu halten“.

 

Ende 1934 wird Hugo Railing im Münchner Adressbuch nicht mehr als Eigentümer des Anwesens Möhlstraße 22 genannt. Er ist mit Hedwig und den Kindern in die Montgelasstraße 2 gezogen. Die Eigentümer dieser Immobilie sind Mitglieder des FC Bayern: Bauunternehmer Max Jung und seine Söhne.

 

1936 sehen sich die Brüder Railing gezwungen, die Münchner Textildruckerei GmbH zu verkaufen. Im September 1937 gelingt dem erst 14-jährigen Sohn Heinz Fritz, der ebenso wie Vater Hugo Mitglied beim FC Bayern ist, die Flucht nach Bournemouth in England. Im Februar 1938 schafft es auch Tochter Margot über die Reichsgrenze – nach Lausanne in der Schweiz dem bevorstehnden Holocaust  zu entkommen. Sie ist 17 Jahre alt.

Hedwig und Hugo Railing bleiben in München zurück. Dass ihre Kinder nun in Sicherheit sind, hat sie wohl getröstet, gleichzeitig müssen sie aber auch damit rechnen, dass sie diese wohl nie wieder sehen werden. Bis 1940 wechseln die Railings fünf Mal den Wohnsitz: ein Indiz für die fortschreitende Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Hugo war im Sommer 1938 erstmals interniert worden.

 

Zum Jahresende 1938 wird die Firma der Railings arisiert, 1939 schafft es Hugos Bruder Siegfried, sich ebenfalls nach England abzusetzen. Hedwig und Hugo Railing, die in München zurück bleiben, werden im Januar 1941 in das Sammel- und Durchgangslager in der Knorrstraße 148 verschleppt. Hugo Railing wird zum Lagerleiter ernannt und muss auch die Organisation der Deportationen übernehmen. In allen Quellen und Zeugnissen beschreiben Überlebende ihn später als beeindruckenden und nachdenklichen Mann, der versucht, seinen Mitgefangenen in diesen schrecklichen Zeiten zu helfen.

 

Am 4. April 1942 befinden sich auch Hedwig und Hugo Railing im Deportationszug nach Piaski. Dort übernimmt Hugo als Mitglied im Ghettorat wieder Verantwortung. Hedwig Railing stirbt in Piaski im Alter von 51 Jahren. Hugo Railing wird im Oktober 1942 von Piaski nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

 

Zum Erinnerungstag im deutschen Fußball 2020 initiierte das FC Bayern Museum in Gedenken an Hedwig und Hugo Railing, die Setzung eines Erinnerungszeichens durch die Stadt München vor dem Anwesen Montgelastraße 2. Der damalige Vorstandvorsitzende der FC Bayern AG, Karl-Heinz Rummenigge, verliest in einer Gedenkveranstaltung die Biographien von Hugo und Hedwig Railing. Vor dem darauffolgenen Bundesliga-Heimspiel kreieren die Fans des FC Bayern in der Südkurve eine Choreographie in Memorial Hugo Railing.

 

Nachkommen der Familie Railing in Amerika werden während der Übertragung des Bundesligaspieles auf die Choreographie zu Ehren ihres Vorfahren aufmerksam. Die noch lebende Enkelin bedankt sich daraufhin in einem Schreiben an Karl-Heinz Rummenigge beim FC Bayern und dessen Fans für diese Zeichen gegen das Vergessen in Erinnerung an das FC Bayern-Mitglied Hugo Railing.

 

Andreas Wittner

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